Es blinkt der Tau  / Boddien

Es blinkt der Tau in den Gräsern der Nacht
der Mond zieht vorüber in stiller Pracht,
die Nachtigall singt in den Büschen.
Es schwebt über Wiesen im Dämmerschein,
der ganze Frühling duftet hinein,
wir beide wandeln dazwischen.

O Lenz, wie bist du so wunderschön!
In dem blühenden Rausch dahinzugehn,
am Arm seine zitternde Liebe,
mit dem ersten Kuß in den Himmelsraum,
und fest zu glauben im törichten Traum,
daß es ewig, ewig so bliebe.

 

Wie ein Lerch’ in blauer Luft    / Boddien

Wie eine Lerch’ in blauer Luft,
wie eine Bien’ im Blüthenduft,
wie’s Fischlein in der klaren Fluth,
wie’s Wölkchen auf der Erde ruht,
so klingt’s in mir, so summt’s in mir,
so wogt’s mit mir, so eilt’s in mir,
so klingt’s, so summt’s, so wogt’s, so eilt’s zu dir!
und nur im Menschen der Verstand
hält mich noch fest mit kalter Hand.

 

Die Waldhexe      / Boddien

Vorbei, vorbei zu Feld und Wald
zu Roß in wilder Eile,
was willst du schwebende Gestalt
mit deinem Wink zur Weile?

Mein Bett ist nicht auf grüner Haid
und nicht im schatt’gen Walde,
es wartet mein die schönste Maid
und Liebe ruft: “komm balde!”

Laß ab, laß ab begleitend Weib,
dein Arm ist viel zu luftig,
dein Blick zu todt, dein schlanker Leib
zu kalt und nebelduftig.

Mein Lieb hat weiß’ren Arm als du,
hat Augen wie zwei Sterne,
und küßt und herzt und lacht dazu.
Was drohst du mir von ferne?

Der Reiher kreischt, es schlägt das Roß
die blutgespornten Flanken,
das Weib wird dreist und riesengroß
und wilder die Gedanken.

Vorbei, vorbei wie Fittig rauscht,
es nickt herab vom Baume,
es huscht und hascht, es lugt und lauscht,
schon greift sie nach dem Zaume.

Jetzt hat sie seinen Arm gefaßt,
umher beginnt’s zu dunkeln,
es schwillt herauf, es drückt die Last,
des Weibes Augen funkeln.

Zwei Sprünge vom gestürzten Thier,
da liegt im dunkeln Walde
der Reiter todt im Arme ihr
und Liebe ruft: “komm balde!”

 

Morgens  /  Storm

Nun gieb ein Morgenküßchen!
Du hast genug der Ruh;
Und setz dein zierlich Füßchen
Behende in den Schuh!

Nun schüttle von der Stirne
Der Träume blasse Spur!
Das goldene Gestirne
Erleuchtet längst die Flur.

Die Rosen in deinem Garten
Prangen im Sonnenlicht;
Sie können nicht erwarten,
Daß deine Hand sie bricht.

 

Veilchen vom Berg   / Lemcke

Veilchen vom Berg, woran mahnest du mich?
Hoch auf den Bergen, da pflückt’ ich dich.
Wolken tief unten, Adler hoch oben,
vor uns am Abhang die Gemse stoben.
Veilchen vom Berge, wohin ist die Zeit?
Weit, weit dahinten, ach ewig weit.

Veilchen vom Berg, woran mahnest du mich?
Jubelnde Liebe, die pflückte dich.
Herzen voll Sehen, Blicke voll Bangen,
Suchen und Finden, glühende Wangen.
Veilchen vom Berge, wohin ist die Zeit?
Weit, weit dahinten, ach ewig weit.

Veilchen vom Berg, woran mahnest du mich?
Hab’ ich von allem nun nichts, als dich!
Mußte das Glück so schnell zerstieben,
fern sind die Berge, ferner das Lieben.
Veilchen vom Berge, wohin ist die Zeit?
Weit, weit dahinten, ach ewig weit.

 

Verlust  / Lemcke

Ich hatte eine Nachtigall,
die sang so schön, die sang so schön,
sie ist davon geflogen,
weit über Thal und Höh’n.

Ich hatt’ ein junges Röselein,
so frisch und klar, so frisch und klar,
es ist mir weggestohlen,
derweil ich ferne war.

Ich hatte einen lieben Schatz,
mein Glück, mein Glanz, mein Glück, mein Glanz!
sie ist davon gezogen,
trug einen Myrthenkranz!

 

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